Das Wort zum Wochenende von Franz Kafka

Wir sind zwar keine ProsaPoser aber man könnte glauben es gab zu Kafka’s Zeiten schon Einlassprobleme an so mancher Tür. Ausderdem schadet so ein bisschen Weltliteratur auch euch nicht.
Viel Spass beim lesen, Josef K.

Vor dem Gesetz steht ein Türhüter. Zu diesem Türhüter kommt ein Mann vom Lande und bittet um Eintritt in das Gesetz. Aber der Türhüter sagt, daß er ihm jetzt den Eintritt nicht gewähren könne. Der Mann überlegt und fragt dann, ob er also später werde eintreten dürfen.

«Es ist möglich», sagt der Türhüter, «jetzt aber nicht.»

Da das Tor zum Gesetz offensteht wie immer und der Türhüter beiseite tritt, bückt sich der Mann, um durch das Tor in das Innere zu sehn. Als der Türhüter das merkt, lacht er und sagt:

«Wenn es dich so lockt, versuche es doch, trotz meines Verbotes hineinzugehn. Merke aber: Ich bin mächtig. Und ich bin nur der unterste Türhüter. Von Saal zu Saal stehn aber Türhüter, einer mächtiger als der andere. Schon den Anblick des dritten kam nicht einmal ich mehr ertragen.»

Solche Schwierigkeiten hat der Mann vom Lande nicht erwartet; das Gesetz soll doch jedem und immer zugänglich sein, denkt er, aber als er jetzt den Türhüter in seinem Pelzmantel genauer ansieht, seine große Spitznase, den langen, dünnen, schwarzen tatarischen Bart, entschließt er sich, doch lieber zu warten, bis er die Erlaubnis zum Eintritt bekommt. Der Türhüter gibt ihm einen Schemel und läßt ihn seitwärts von der Tür sich niedersetzen.

Dort sitzt er Tage und Jahre. Er macht viele Versuche, eingelassen zu werden, und ermüdet den Türhüter durch seine Bitten. Der Türhüter stellt öfters kleine Verhöre mit ihm an, fragt ihn über seine Heimat aus und nach vielem andern, es sind aber teilnahmslose Fragen, wie sie große Herren stellen, und zum Schlusse sagt er ihm immer wieder, daß er ihn noch nicht einlassen könne. Der Mann, der sich für seine Reise mit vielem ausgerüstet hat, verwendet alles, und sei es noch so wertvoll, um den Türhüter zu bestechen. Dieser nimmt zwar alles an, aber sagt dabei:

«Ich nehme es nur an, damit du nicht glaubst, etwas versäumt zu haben.»

Während der vielen Jahre beobachtet der Mann den Türhüter fast ununterbrochen. Er vergißt die andern Türhüter, und dieser erste scheint ihm das einzige Hindernis für den Eintritt in das Gesetz. Er verflucht den unglücklichen Zufall, in den ersten Jahren rücksichtslos und laut, später, als er alt wird, brummt er nur noch vor sich hin. Er wird kindisch, und, da er in dem jahrelangen Studium des Türhüters auch die Flöhe in seinem Pelzkragen erkannt hat, bittet er auch die Flöhe, ihm zu helfen und den Türhüter umzustimmen. Schließlich wird sein Augenlicht schwach, und er weiß nicht, ob es um ihn wirklich dunkler wird, oder ob ihn nur seine Augen täuschen. Wohl aber erkennt er jetzt im Dunkel einen Glanz, der unverlöschlich aus der Türe des Gesetzes bricht. Nun lebt er nicht mehr lange. Vor seinem Tode sammeln sich in seinem Kopfe alle Erfahrungen der ganzen Zeit zu einer Frage, die er bisher an den Türhüter noch nicht gestellt hat. Er winkt ihm zu, da er seinen erstarrenden Körper nicht mehr aufrichten kann. Der Türhüter muß sich tief zu ihm hinunterneigen, denn der Größenunterschied hat sich sehr zuungunsten des Mannes verändert.

«Was willst du denn jetzt noch wissen?» fragt der Türhüter, «du bist unersättlich. »

«Alle streben doch nach dem Gesetz», sagt der Mann, «wieso kommt es, daß in den vielen Jahren niemand außer mir Einlaß verlangt hat?»

Der Türhüter erkennt, daß der Mann schon an seinem Ende ist, und, um sein vergehendes Gehör noch zu erreichen, brüllt er ihn an:

«Hier konnte niemand sonst Einlaß erhalten, denn dieser Eingang war nur für dich bestimmt. Ich gehe jetzt und schließe ihn.»
Franz Kafka

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Article by jo

DJ-Urgestein, belesener Suffkopp und nicht totzubekommender Supermann. Seit nunmehr knapp 12 Jahren im Münchener Nachtleben aktiv und kein bisschen leiser. Read 72 articles by
15 Comments Kommentier das mal!
  1. Brown-eyed Girl says:

    Tja, das sind dann wohl die Defizite des NRW Abis. Dafür habe ich einen fetten Wälzer mit allen Brecht Stücken!

  2. k ( the real k) says:

    kleine randbemerkung am rande:
    das fazit war natürlich nicht ernst gemeint…
    nicht dass ich mir mit diesem fazit die chancen auf den hauptgewinn versau .-)

  3. Jo Kraus says:

    Ich kenne niemanden der das nicht kennt. O.K. jetzt eine. Ist ja schon fast Schulpflichtlektüre. morgen wirds garantiert wieder flacher.

  4. sweb says:

    das hab ich,
    deswegen hab ich auch soviel zeit hier rumzuposten

  5. Brown-eyed-girl says:

    Obwohl, Verschwörungstheorien wären eigentlich auch mal ein spannendes Blog-Thema…
    Wo ist noch gleich das Gold aus dem WTC abgeblieben?

  6. Brown-eyed-girl says:

    Ok, ist vielleicht besser. Das Werk kenne ich nämlich gar nicht, und Du doch auch nicht ;-)

  7. Jo Kraus says:

    Schöner hätte man das nicht sagen können. Und morgen besprechen wir dann die ersten 400 der ca. 800 Seiten des foucaultsche Pendels von Umberto Eco. Nö ab morgen gibts mal wieder etwas seicherteres. Musik, geile DJ’s, Stadtgeläster scharfe Kurven heisser Miezen oder so ähnlich.

  8. sweb says:

    liebe bisous:
    ich denke, das fazit war auch nicth so ernst gemeint ( stichwort ironie, wurde bildlich mit :-) hervogehoben)

    und ich habe es als kleine anspielung auf diese zahlreichen anti-wünsch threads verstanden aber möchte jetzt nicht den/die real k diskreditieren:-)

    und auhc nicht stänkern:-)
    der jens ist ja in urlaub und er jo mag das ned so..

    allerdings stimmt ich der zweiten interpretation zu:
    wenn man etwas will sollte man es von sich aus wollen und nicht weil es von aussen aufgezwungen wird…sonst endet man “stuck in the middle” man erreicht das aufgezwungene ziel nicht, weil man sich von allen aufhalten läßt, hat aber auf der anderen seite dann keien zeit/kraft seine eigenen ziele zu verfolgen..und hat am ende nichts erreicht….

  9. Brown-eyed-girl says:

    Na also, da bin ich ja wenigstens nicht mehr allein mit meinem Literatur Spleen.
    Nur das Fazit haut mich jetzt nicht so vom Hocker.
    Aber hey, nichts gegen Roman, seine Luna Lounge Parties damals waren genauso fein wie heute die Holleschek Parties. Und seine Seite bietet immer viel Klatsch und Tratsch und ein schickes Design, aber lustiger finde ich die Texte vom MC Winkel (www.whudat.de)

  10. k ( the real k) says:

    ps zu dieser parabel gibt es ca 50 gefühlte 1000 interpretationen

  11. k ( the real k) says:

    @sasi..du mußt ja jetzt erstmal überlegen, wann die nächste flasche wodka drin ist!

    @jo kraus..prosa kommt nie schlecht, solang sie nicht ala roman-Hurz!-libbertz , sondern streng nach dem motto lieber gut kopiert als schlecht selbst gmacht ist :-)

    soweit mich meine grauen zellen nicht ganz täuschen der interpretationrkonstruktionsversuch der Parable ” vor dem gesetz” :

    auf der einen seite:
    schwere Verständlichkeit des Gesetzes
    für den Mann vom Lande:
    –> das gesetzt steht zwar jedem offen ist, aber nicht jedem zugänglich

    auf der anderen Seite
    das ein nicht aufrichtiger eingestandener Wille/Versuch zu selbstbetrug und Zeitverschwendung führt:
    der mann fühlt sich zwar moralisch verpflichtet,sich einen zugang zu dem gesetz zu verschaffen, unter nimmt aber nur halbherzige versuche (auf sptäer vertrösten, eigentlich wird er ja körperlich nicht abgehalten ect,) was an der aufrichtigkeit seines eigene Willesn bzw an seiner echten Motivation zweifeln läßt.
    Am Ende ist er dann zu nichts gekommen –> Lebens-/selbstbetrug

    fazit: den jo einfach noch öfters/ aufrichtiger nach seinem lieblingssong fragen :-) ))

    an alle rechtschreibfeaks, sorry für fehlende gross und kleinschreibung ect….

    und eine frage in eigener sache.
    normalerweise wird man doch auch bzgl der lesungsparties benachrichtigt oder?? diesmal fiel das aus?
    schönen rest sonntag

  12. Disco Dandy says:

    ähhh ja genau. wollte ich auch gerade schreiben… was will er auch sonst damit sagen? ;-)

    Andi

  13. Bisous says:

    Ah, der Franzl… Dachte, es gibt hier nur Musik und Stadtgeflüster ;-) ? Dann gesteht Ihr der Deutschlehrerin sicher einen kleinen Interpretationsversuch zu. Kafka muß man ja immer autobiographisch deuten, wenn ich mich recht erinnere (gestörte Vaterbeziehung, Lungenerkrankung, jüdische Kultur, zwischen 2 Weltkriegen aufgewachsen etc.) Kommen wir damit weiter? Generation befand sich damals sicherlich an einem Nullpunkt, nach dem Ende der religiösen Tradition und der Krise traditioneller Werte, so entstand eine gewisse Orientierungslosigkeit, die ja sogar im Nationalsozialismus endete. Der Mann vom Lande scheut die Verantwortung, er versteckt sich hinter Verboten. Er sucht für jeden Schritt die Genehmigung, damit er keine Verantwortung übernehmen muß. So bleibt er gefangen in seinem Sicherheitsbedürfnis. Die Bequemlichkeit der Sicherheit und der persönlichen Unverantwortlichkeit weckt den Wunsch, die Verantwortung auf eine unpersönliche Instanz = Gesetz! abzuwälzen. Der Mann vom Lande sieht das Licht von ferne, aber er kann nicht auf den Weg dahin gelangen, er ist keine autonome Persönlichkeit, sondern ist verstrickt in Zögern, Entschlusslosigkeit und Angst.
    Also, immer schön, den Mund aufmachen, eine eigene Meinung haben und auch mal was Verbotenes tun! In diesem Sinne, schönen Sonntag!

    P.S. Wie lang ging denn die Holleschek Party noch? Mußten leider früh weg, weil unser Fahrer heim wollte. Armer DJ, so mainstream kenn’ ich Dich ja gar nicht. Und dann mußtest Du auch noch die “Türhüter” bestechen, um drinnen eine rauchen zu dürfen?

  14. commander says:

    ich kapiers nicht…. liegt aber warsch am pegel. wünsche gute reise

  15. Sasi says:

    Na das ist ja mal ein Wort zum Wochenende…
    meinst du das, dass in 2 std. noch jemand kapiert?

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